erdenpolis

8. November 2006

Die Aufgabe des naturwissenschaftlichen Unterrichts (I)

Filed under: Bildung — hkrug @ 16:03

Zur Debatte um die Behandlung der Schöpfungslehre im Biologieunterricht sind in diesem Blog bereits zwei Beiträge erschienen: Trennung von Wissenschaft und Glaube und Der gläubige Professor. Dem Verfasser wurde von evolutionsbiologischer Seite vorgehalten, dass es nicht verständlich sei, warum weltanschauliche und religiöse Fragen im Biologieunterricht behandelt werden sollen. Denn „der Wissenschaftsunterricht ist der Wissenschaftspropädeutik, d.h. der Lehre der Erkenntnisse und Methoden wissenschaftlicher Vorgehensweise verpflichtet.“

Letzteres wird auch von kreationistischer Seite zitiert und unterstützt: „Der naturwissenschaftliche Fachunterricht hat das gesicherte Wissen unserer Zeit zu lehren und die notwendigen Prinzipien wissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung zu vermitteln.“

In fachwissenschaftlichen Fragen tauschen beide Seiten, Evolutionsbiologen und Kreationisten, intensiv Argumente und Begründungen aus. Dasselbe gilt auch in Fragen der wissenschaftlichen Methodik und der Reichweite wissenschaftlicher Aussagen. In dieser zentralen pädagogischen Frage jedoch, der Frage der Aufgabe des naturwissenschaftlichen Unterrichts, wird von beiden Seiten die Antwort einfach angenommen, ohne Begründung, quasi als Axiom. Das verwundert sehr, weil doch ein pädagogisches Thema diskutiert wird und kein fachwissenschaftliches, nämlich: Wie soll die Evolutionslehre den Schülern vermittelt werden? Beide Seiten diskutieren diese eminent pädagogische Frage auf nicht-pädagogische Weise.

Man mag hiergegen einwenden: Die Frage nach der Aufgabe des naturwissenschaftlichen Fachunterrichts wird staatlicherseits in den Lehrplänen beantwortet. Sie muss deshalb nicht diskutiert werden.

Jedoch wird die Aufgabe des naturwissenschaftlichen Fachunterrichts bereits in den staatlichen Lehrplänen wesentlich differenzierter gesehen, als in der obigen vereinfachenden Antwort. So spricht der in der Diskussion zwischen Professor Kutschera und der Kultusministerin Wolff relevante gymnasiale Lehrplan für das Fach Biologie in Hessen auch die Gefühls- und Willensseite der Heranwachsenden an: „Bei Schülerinnen und Schülern muss ein wissenschaftlich fundiertes Selbst- und Weltverständnis entwickelt werden. Nur so werden sie künftig in der Lage sein, im privaten wie im öffentlichen Bereich Verantwortung zu übernehmen, angemessene Entscheidungen zu treffen und sachgemäß zu handeln. … Bei den Jugendlichen müssen Einstellungen und Werthaltungen gegenüber dem Mitmenschen und der lebendigen Natur entwickelt und immer weiter vertieft werden. Neugier, Interesse und eine emotionale Beziehung zur lebendigen Natur sind die psychologischen Voraussetzungen für diese Bildung.“ Der Wissenschaftsunterricht ist also schon nach diesem Lehrplan nicht Wissenschaftspropädeutik, sondern wissenschaftliche Bildung zum Zwecke der Menschenbildung. Die Aufgabe des naturwissenschaftlichen Fachunterrichts ist nicht die fachliche Bildung. Diese ist nach dem Wortlaut des Lehrplans das Mittel, um den Menschen mit der Welt gedanklich, gefühlsmäßig und willentlich so zu verbinden, dass er fähig wird, Verantwortung zu übernehmen. Pädagogische Maßnahmen sind deshalb auch nicht so zu bewerten, dass gefragt wird: Dient diese pädagogische Maßnahme dem Zweck, den Schüler in die Wissenschaft einzuführen? Vielmehr muss gefragt werden: Was trägt diese Maßnahme dazu bei, den Schüler in seiner Verbindung zu Welt und Mitmensch zu stärken?

Die Argumentation der Evolutionsbiologen gegen die Behandlung weltanschaulicher und religiöser Fragen im Biologieunterricht scheitert deshalb schon bei ihrer Prämisse. Die Annahme, die dort über die Aufgabe des naturwissenschaftlichen Fachunterrichts gemacht wird, ist falsch.

Dass sich dieses Result nicht nur aus dem Wortlaut der staatlichen Lehrpläne ergibt, sondern auch bei unbefangener Betrachtung der Aufgabe der Bildung junger Menschen, mag Gegenstand eines Folgebeitrags sein.

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2 Kommentare »

  1. Ich kann dem Beitrag nur zustimmen. Es wurde logisch argumentiert. Und im Übrigen kommen wir heute bei der Einschätzung der Wissenschaft ohne den Einbezug methaphysischer Erkenntnisse nicht über den Horizont des physikalischen Weltbildes des letzten Jahrhunderts hinaus.

    Kommentar von Hans-Rainer Preiss — 9. November 2006 @ 18:16

  2. Wenn dem so ist, dann müsste man zur Rettung der Wissenschaftlichkeit deutlich machen, wie man auf wissenschaftlichem Wege zu metaphysischen Erkenntnissen kommen kann. Worin besteht die Wissenschaftlichkeit,wenn man die metaphysischen Erkenntnisse religiösen Texten entnimmt ?

    Kommentar von hkrug — 24. Oktober 2007 @ 7:10


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